Care Communiqué

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Ohne Care kein Leben! Care-Arbeit ist zentral für Menschen und Gemeinschaften, durch Care wird Leben erst möglich.

Care-Arbeit bedeutet Sorgearbeit und ist die Grundlage für das Funktionieren unserer Gesellschaft und betrifft alle: Menschen sind abhängig von Care. Dies wird sich auch in Zukunft nicht ändern.

WAS ist Care-Arbeit?

Care-Arbeit ist lebens- und gesellschaftserhaltende Arbeit. Unter Care-Arbeit wird Sorgearbeit verstanden, welche sich an den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen orientiert. Care-Arbeit schafft die Grundlage für unser Leben, ist notwendig um Leben zu
erhalten und sie stellt daher Grundlage für das Funktionieren unserer Gesellschaft dar. Care-Arbeit zielt auf körperliches, intellektuelles und emotionales Wohl der Menschen ab.

Wir plädieren für ein breites Verständnis von Care: Ffür uns umfasst Care-Arbeit alle Formen von Sorgearbeit, welche an den grundlegenden Bedürfnissen der Menschen direkt oder indirekt orientiert sind. Das heisst, dass wir unter Care-Arbeit sowohl körperliche Pflege, Erziehungsarbeit, Arbeit im Bildungswesen, Arbeit in der Versorgungswirtschaft als auch Reinigungsarbeit, Sexarbeit und Sorgearbeit für die Umwelt als Care-Arbeit verstehen.

  • Care-Arbeit findet teilweise bezahlt im Lohnverhältnis statt.
  • Wenn Care-Arbeit bezahlt wird, ist sie oft unterbezahlt und findet unter schlechten Bedingungen statt.
  • Care-Arbeit wird aber meist gar nicht bezahlt.
  • Wer bezahlte Care-Arbeit leistet, leistet oft zusätzlich unbezahlte Care-Arbeit.
  • Wer unbezahlt Care-Arbeit leistet, ist entweder von anderen finanziell abhängig oder hat eine zusätzliche Erwerbsarbeit.
  • Wer unterbezahlt Care-Arbeit leistet, braucht teilweise weitere Erwerbsarbeit.
    → Egal ob bezahlt oder unbezahlt, Care-Arbeit führt zu Mehrfachbelastung.

Prognosen zeigen, dass die Gesellschaft durchschnittlich älter wird und dadurch die benötigte Care-Arbeit zunehmen wird. Auch die durch die Klimaerwärmung ansteigenden humanitären Katastrophen werden mehr Care-Arbeit erfordern.

Doch WER macht Care-Arbeit?

Es sind überwiegend wir FLINTA-Personen (Frauen, Lesben, inter, non-binäre, trans und agender Personen), die Care-Arbeit leisten. Die Statistiken basieren jedoch auf einer geschlechterbinären Logik, weshalb wir diese ebenfalls so wiedergeben müssen:

  • Weltweit sind zwei Drittel der bezahlten Care-Arbeiter*innen Frauen. Davon sind die Mehrheit Migrant*innen. (UN, 2024).
  • Etwa 10’000 Millionen Stunden unbezahlte Hausarbeit wurden in der Schweiz im Jahr 2024 geleistet. Davon leisteten Frauen 6000 Millionen Stunden, also knapp zwei Drittel. (BFS, 2024)
  • Pro Woche leisten Frauen 32 Stunden unbezahlte Haus- und Familienarbeit (Männer: 22 Stunden) (BFS, 2024).
  • 49 Prozent der Schweizer Grossmütter betreuen ihre Enkelkinder mindestens einmal pro Woche. Bei den Grossvätern sind es 31 Prozent. (BFS 2024)

Weil die Bedingungen unter denen wir bezahlt und unbezahlt Care-Arbeit leisten, ungleich, ungerecht und gesundheitsschädigend sind, sie uns ausbrennen, überfordern, erschöpfen und arm machen, weil auf unsere Forderungen seit Jahrzehnten nur mit leeren Versprechen
reagiert wird und die Politik sich aus der Verantwortung stiehlt, haben wir beschlossen, von unserem Recht auf Streik Gebrauch zu machen. 2027 bestreiken wir die Care-Arbeit! Wir, das sind wir FLINTA, die Care-Arbeit leisten. Wir, die Care-Arbeiter:innen, die
Reiniger:innen, die Mütter, die Sozialarbeiter:innen, die Lehrer:innen, die Grossmütter, die Kinderbetreuer:innen, die Altenpfleger:innen, die Krankenpfleger:innen, die Verkäufer:innen, die Gastro-Angestellten, die feministischen Streikkollektive, die Basisgruppen, wir
Aktivst:innen, wir auf Care Angewiesene, wir alle schliessen uns zusammen und legen unsere Arbeit nieder.

Denn ein Streik verschiebt das Machtverhältnis – er zeigt, wie systemrelevant unsere Arbeit ist. Ein Streik verändert das Bewusstsein, schafft Sichtbarkeit, bringt uns zusammen, schafft Kollektivität, zeigt unsere Stärke und ermächtigt uns, für uns einzustehen!

Stimmen von Care-Arbeiter:innen

Pflege Spital

Die Mitbewohnerin einer Freundin zu ihren Gefühlen, als sie den Film “Heldin” gesehen hat. Sie ist Pflegerin in einem Kantonsspital: “Ich habe mich so sehr zurückversetzt gefühlt, in die Zeit auf der Chirurgie/Inneren (weiss es nicht mehr genau…). Ich konnte nicht aufhören zu
weinen: Hab wieder den Stress gespürt, der einem in den Körper fährt, immer überall hinterherzuhinken, dieses Dampf ablassen an Lernenden und immer wenn die Schicht vorbei ist, die Frage, wie lange mag ich das noch. Immer zu wissen, wenn man selbst
ausfällt, dann sind die Kolleg:innen im Seich. Das Problem auf der Station ist halt einfach, dass der Schlüssel an Pflegepersonal auf sagen wir mal 40-Jährige Patient:innen ohne Komplikationen oder Mehrfacherkrankungen berechnet ist. Das ist aber fast nie der Fall. Die
meisten Patient:innen sind älter und haben Vorerkrankungen, teils auch psychisch. Deshalb braucht man halt mehr Zeit, genug hatte ich deshalb nie, wenn ich für zeitweise 8 (?!) Patient:innen zuständig war. Ich habe auf die IPS gewechselt und betreue jetzt höchstens 2
Patient:innen gleichzeitig, das geht. Ohne diesen Wechsel wäre ich wohl aus dem Beruf ausgestiegen.”

Sozialarbeiterin und dreifache Mutter

“Wenn ich die Kinder von der Schule hole, merke ich manchmal, dass mein Sohn, weil er eher ein stiller ist, mit seinen Bedürfnissen nicht gesehen wurde an diesem Tag. Weil die Lehrerin und der Sozi halt schon damit beschäftigt waren, andere Konflikte zu lösen. Dann weiss ich, dass ich mir jetzt Zeit nehmen muss, um ihn zu fragen, was denn passiert sei, ihm zuzuhören, versuchen Lösungen zu finden. Ich versuche dann das am Tag Versäumte an Sorge und Aufmerksamkeit aufzuholen, weiss aber, dass das eigentlich nicht geht – nicht nur
weil ich so müde bin, sondern weil es auch im Moment selbst wichtig gewesen wäre. Und bis ich ihn wieder so weit stabilisiert habe, sind die anderen beiden nervös und unzufrieden und nun sind sie es, die von mir nicht gesehen wurden. Und so wechselt es Tag für Tag und
ich habe immer dieses Gefühl, nicht genug zu sein. Und diesen Frust nehme ich dann mit in meine Arbeit, in der ich auch immer nur am Ausbügeln bin und überall die Ressourcen fehlen. Um zur Ruhe zu kommen, auf meine eigenen Bedürfnisse zu schauen, dafür habe
ich eigentlich nie Zeit.”

Kita-Betreuerin

“Unser Job wird als “Sackgassenjob” bezeichnet. Aber die sogenannten fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten sind nichts gegen unsere miesen Arbeitsbedingungen. Deshalb hören so viele wieder auf oder rennen ins Burnout. Unser Lohn ist viel zu tief und unsere
Erfahrung wird uns nicht angerechnet. Die Anzahl an ausgebildetem Fachpersonal ist immer viel zu tief, denn die Auszubildenden werden zum Schlüssel dazu gezählt und wenn noch eine Person ausfällt, dann kommt es vor, dass die Leute, die in einem Arbeitsintegrationsprogramm in der Küche arbeiten, in der Betreuung eingesetzt werden. Das ist auf so vielen Ebenen ein absolutes No-Go: erstens wird dadurch unser Beruf abgewertet und dequalifiziert, denn so wird gesagt, dass es für unseren Beruf keine Ausbildung braucht, sondern dass das alle (oder zumindest alle FLINTA) könnten, dass es eine “natürliche weibliche Aufgabe” sei; zweitens haben wir viel mehr zu tun, wenn unausgebildetes Personal mitbetreut – weil wir betreuen dann die Kinder und die Mitarbeitenden und müssen alles ausbügeln; und drittens werden wir durch die dadurch entstehenden Konflikte gegeneinander ausgespielt und gespalten”

Grossmutter

“Als alte Frau bin ich auf Sorgearbeit angewiesen – und obwohl ich mein ganzes Leben “gecared” habe, kann ich mir nicht sicher sein, dass nun um mich “gecared” wird, also dass ich die notwendige Betreuung bekomme, die ich brauche, um ein gutes Leben zu führen.
Denn weil ich ein Grossteil meines Lebens mit der unbezahlten Betreuung anderer verbracht habe, fehlt mir jetzt das Geld in der Pension. Doch es hört auch in meinem Alter nicht auf, dass ich unbezahlt betreue: Jetzt kümmere ich mich um die Enkel, an mindestens einem Tag
pro Woche. Unabhängig davon, ob ich das gerne mache, ist es vor allem für meine Familie notwendige Gratisarbeit. Denn sonst würde der ganze Lohn meiner Tochter für den Betreuungsplatz draufgehen. An meiner finanziellen Lage ändert meine Arbeit aber halt
nichts.”

Primarlehrerin

“Diese Care-Arbeit, die anfällt, die ich tagtäglich leiste und immer vorausgesetzt wird, immer gesagt wird, dass die zu meinem Beruf gehört: diese Arbeit krieg ich weder bezahlt noch ist sie Teil meines Stundensolls. All das Überlegen, bei wem ich nachfragen muss, wie es geht, wieso die eine Schülerin heute wieder nicht da war, diese Fachperson kontaktieren, mit den anderen beiden Schülern eine Aussprache planen, die Kollegin informieren und dann noch die fünf Eltern anrufen und den Elternabend planen… Wegen solcher Aufgaben bleibe ich bis 20 Uhr an der Schule, weil ich nicht Feierabend machen kann, bevor ich das erledigt habe. Diese Care-Arbeit wird fundamental mit meinem Beruf verbunden, obwohl dieser offiziell rein aus der Bildungsvermittlung besteht – vergütet wird sie deshalb nicht, gemacht werden muss sie trotzdem.”

Mutter im Zug

“Vor der Arbeit habe ich bereits Kinder geweckt, angezogen, Essen zubereitet, Voci abgefragt, etc., etc. Und wenn ich dann auf Arbeit ankomme, habe ich das Gefühl, bereits einen ganzen Tag gearbeitet zu haben. Und dann muss ich mir von denen, die ihren ersten
Kaffee trinken, anhören, dass ich schon wieder zu spät sei.“

Psychologin

“Bei meiner Arbeit in der Klinik bin ich ständig mit einem Mangel an Ressourcen konfrontiert: es gibt zu viel Arbeit auf zu wenige Personen, die Zeit reicht nicht um unsere Patient:innen so zu unterstützen, wie sie es brauchen würden und ständig sind wir mit Kostendruck konfrontiert. Die von der Klinik und Krankenkassen geforderten Sparmassnahmen führen nur zu einem höheren bürokratischen Aufwand, was wiederum mehr Ressourcen verbraucht und so die Situation nur weiter verschärft. Darunter leiden nicht nur die Patient:innen,
sondern insbesondere wir Fachpersonen. Das System funktioniert nur weiter, da wir ständig gratis Überstunden leisten und über unsere Grenzen hinausgehen und somit unsere eigene Gesundheit gefährden.”

Krise der Care-Arbeit

Die Care-Arbeit ist in der Krise und hat dennoch weiterhin wenig Sichtbarkeit.
Die Care-Krise zeigt sich durch zu wenig Ressourcen und zu wenig Anerkennung und führt bei den betroffenen Care-Arbeitenden häufig zu Erschöpfung und zu gesundheitlichen Folgeschäden. Bei der bezahlten Care-Arbeit bestehen u.a. schlechte Bezahlungen und schlechte Arbeitsbedingungen. Unbezahlte Care-Arbeit führt zusätzlich zu ökonomischen Nachteilen bis zu Armut, insbesondere im Alter aufgrund fehlender sozialer Absicherung. Darunter leidet nicht nur die Qualität der Care-Arbeit, sondern auch diejenigen Menschen, die davon abhängig sind: Für Care-Erhaltende Personen bedeutet die Krise nicht nur weniger Lebensqualität, sondern teilweise auch, dass ihnen die Grundlage für ein würdevolles Leben entzogen wird.

Ein Grund für die Care-Krise sind patriarchale Strukturen.
Im patriarchalen System sind Care-Arbeit und die damit verbundenen Aufgaben oft als „weibliche“ Tätigkeiten definiert. Dies führt zur Aufrechterhaltung von starren Geschlechternormen und zu einer strukturellen Benachteiligung von FLINTA-Personen. Indem die Tätigkeiten als „weiblich“ kategorisiert werden, wird ignoriert, dass sie Fähigkeiten benötigen, die erlernt werden müssen. Damit wird begründet, dass sie weniger hoch entlohnt werden. Diese Abwertung nennt man Feminisierung der Arbeit. Mittlerweile wird zwar von allen Geschlechtern Erwerbsarbeit erwartet, dennoch bleibt die Feminisierung von Care-Arbeit bestehen. Die Care-Arbeit ist deshalb schlechter gestellt und sie wird weiterhin abgewertet. Auch andere Gesellschaftsgruppen sind davon betroffen, wie z.B. Migrant:innen aufgrund ihrer Aufenthaltsbewilligung oder der fehlenden Anerkennung ihrer Ausbildung. Es werden also verschiedene Unterdrückungssysteme gleichzeitig bedient, um Care-Arbeit abzuwerten. Die Krise der Care-Arbeit verstärkt also intersektionale Diskriminierungen:

Migrantische Personen, People of Color, FLINTA-Personen, queere Personen, ältere Personen, Personen mit Behinderungen und Personen aus benachteiligten sozialen Schichten sind sowohl als Care-Arbeitende als auch als Menschen, die Care-Arbeit brauchen, besonders betroffen von der systemischen Krise der Care-Arbeit. Intersektionalität bedeutet, dass sich verschiedene Diskriminierungsformen überlappen und gegenseitig verstärken können.

Care-Arbeit führt bei jenen, die sie ausführen zu Mehrfachbelastungen. Wird sie unentlohnt gemacht, etwa im eigenen Haushalt, muss sie durch eine Lohnarbeit ergänzt werden. Erfolgt die Care-Arbeit in einem entlohnten Verhältnis, dann ist sie meist sehr schlecht bezahlt und muss deshalb oft durch weitere Jobs ergänzt werden.

60 Prozent der Frauen hatten 2023 immer bis häufig “das Gefühl, überlastet zu sein und Schwierigkeiten gehabt, die verschiedenen Aktivitäten unter einen Hut zu bringen.” (BFS, Erhebung zu Familien und Generationen, 2023)

Ein anderer Grund für die Care-Krise ist der Kapitalismus.
Die Probleme der Care-Arbeit sind tief im kapitalistischen System verankert. Im Kapitalismus steht die Care-Arbeit im Widerspruch zur Profitmaximierung. Das heisst, dass in kapitalistischen Systemen versucht wird, die Kosten für die Care-Arbeit niedrig zu halten. Dies, indem Care-Arbeit ungleich verteilt und strukturell entwertet wird. Die Abwertung von Care-Arbeit führt so auch zu Diskriminierungen und zementiert diese Diskriminierungsmuster gleichzeitig. Kapitalismus, Patriarchat und strukturelle Diskriminierungen gehen also Hand in Hand.

Durch den Neokolonialismus verstärkt der Kapitalismus die Care-Krise nicht nur bei uns, sondern auch weltweit, da unser System auf die Übernahme von Care-Arbeit durch migrantische Personen angewiesen ist. Diese Arbeitskräfte wiederum fehlen in ihren Herkunftsländern, was die dortige Versorgung zusätzlich schlechter macht: Arbeitskräfte werden billig eingekauft und verursachen in weniger reichen Ländern eine Zunahme der Versorgungslücken.

Wir brauchen mehr Zeit und mehr Geld!
Um die Care-Krise überwinden zu können, brauchen wir mehr Ressourcen, doch der Kapitalismus strebt nach einer immer steten “Optimierung” von Arbeitsabläufen, um Profite zu maximieren. Bei der Care-Arbeit steht aber die Beziehung zu der Care-Erhaltenden Person im Zentrum, da diese notwendige Voraussetzung ist, um Care-Arbeit leisten zu können. Daher ist Care-Arbeit zeitintensiv und lässt sich in einem wirtschaftlichen Verständnis nicht optimieren. Deshalb ist die Forderung nach mehr Zeit, ein zentrales Thema im Kampf für bessere Arbeitsbedingungen im Care-Bereich. Mehr Zeit und bessere Arbeitsbedingungen heisst aber, dass auch mehr Geld benötigt wird. Auch für die nicht bezahlte Care-Arbeit wird Geld benötigt, dass Care-Arbeitende sozial abgesichert sind!

Auch das (vermeintlich) Private ist politisch.
All diese Probleme müssen sichtbar gemacht werden. Dadurch kann die Basis für ein Wiedererkennen und eine kollektive Organisierung geschaffen werden. Diese Sichtbarkeit wird aber dadurch erschwert, dass Care-Arbeitende oft gesellschaftlich weniger privilegiert sind. Und die Sichtbarmachung allein reicht nicht aus.

Die Krise der Care-Arbeit wird in feministischen Kämpfen seit Jahrzehnten thematisiert und trotzdem ändert sich nichts – im Gegenteil. So findet im Neoliberalismus eine Zuspitzung der Care-Krise statt: Privatisierungen von Care-Einrichtungen, eine vorangetriebene Individualisierung der Kosten, eine Rationalisierung und Beschleunigung der Arbeit mit katastrophalen Konsequenzen für die Arbeitsbedingungen. Die politische Ignoranz gegenüber den Care-Arbeitenden verdeutlicht, dass die Probleme struktureller Natur sind. Aber nicht erst die Covid-19-Pandemie hat uns gezeigt, dass das Care-System den stetigen Spardruck nicht mehr lange aushalten wird: Das kapitalistische System entzieht uns unserer Lebensgrundlage, gerade durch die Krise im Care-Bereich. Da reichen auch Liebe und Pflichtgefühl nicht mehr aus!

Es gibt einen fliessenden Übergang zwischen der Care-Arbeit im privaten und im öffentlichen Rahmen. Die Krise ist in allen Care-Bereichen, bezahlt und unbezahlt, präsent. Deshalb ist es wichtig, darauf zu bestehen, dass auch vermeintlich private Angelegenheiten politisch sind.

Wir haben keinen Bock mehr! Wir sind diejenigen, die..
… zuhören, abklären, Kühlschrank checken, auffüllen, einfühlen, aushandeln, Hintern putzen, kochen, einspringen, einkaufen, Wäsche waschen, zuhören, betten anziehen, emotional stützen, waschen, pflegen, kümmern, Verband erneuern, trösten, flicken, in die Praxis begleiten, Haare waschen, Fahrdienst übernehmen, Proviant einplanen, Knopf annähen, anrufen, Rucksack mitpacken, Mittagstisch übernehmen, alles stehen lassen, Spielzeug aufräumen, nachts aufstehen, Gäste empfangen, Blumen giessen, Tisch decken, Beziehungen pflegen, an Geschenk denken und besorgen, Schulgespräch wahrnehmen, Besuchsmorgen abdecken, Windeln wechseln, Qualitätsansprüche aus Zeitnot runterfahren, weiterhin steigende Krankenkassenprämien bezahlen und mit AHV-Lücken leben müssen… Ja zur Arbeit, aber nicht unter diesen Bedingungen. Wir haben keinen Bock mehr Care-Arbeit unbezahlt, unterbezahlt und mehrfach belastet zu leisten!

Es reicht! Genug ist genug!

Weil wir so unsere Arbeit nicht mehr machen können und wollen, schliessen wir uns den seit Jahren andauernden weltweiten feministischen Kämpfen an, die für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen für alle einstehen. Wir rufen zum schweizweiten Care-Streik 2027 auf!
Wenn FLINTA nicht mehr will, steht alles still!

Literaturverzeichnis

Bundesamt für Statistik BFS (2025). Haus- und Familienarbeit.
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb/erwerbstaetigkeit-arbeitszeit/vereinbarkeit-unbezahlte-arbeit/haus-familienarbeit.html. Zuletzt abgerufen: 4. Juni 2025.

Bundesamt für Statistik BFS (2025). Zeitvolumen für unbezahlte Arbeit.
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/aktuell/neue-veroeffentlichungen.assetdetail.34768200.html. Zuletzt abgerufen: 4. Juni 2024.

Bundesamt für Statistik BFS (2024). Erhebung zu Familien und Generationen 2023.
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/dienstleistungen/fuer-medienschaffende/alle-veroeffentlichungen.assetdetail.32646267.html. Zuletzt abgerufen: 4. Juni 2025.

Vereinte Nationen (2024): Transforming Care Systems: UN System Policy Paper.
https://unsdg.un.org/resources/transforming-care-systems-un-system-policy-paper. Zuletzt abgerufen: 4. Juni 2025.

Titelfoto: Copyright Leo Pihlgren