Am Samstag, 17. Januar, war das Feministische Streikkollektiv Zürich zu Gast beim Anderen Davos im Volkshaus Zürich. Das Kollektiv bot einen umfangreichen Workshop zum Thema „Care-Streik 2027 – Lila Glitzerparty oder roter Arbeitskampf?“ an. Im Zentrum standen dabei strategische Fragen: Wie können wir in unseren Arbeitsalltagen effektiv organisieren und mobilisieren? Streben wir einen politischen oder ökonomischen Streik an? Und lässt sich eine glitzernde 14. Juni-Demonstration auf der Strasse sinnvoll mit Kämpfen in den Betrieben verbinden? Im Anschluss hielt das Kollektiv einen Redebeitrag zum Abschlussplenum „Unsere Sicherheit heisst Solidarität!“. Die vollständige Rede inklusive Audioaufnahme von Radio LoRa hier im Beitrag.
Einleitungsfrage: Die Bürgerlichen wollen uns einreden, dass wir einmal mehr den Gürtel enger schnallen und sparen müssten, weil die Gelder knapp seien und für die Aufrüstung ausgegeben werden sollten. Wie können wir aus feministischer Perspektive auf Militarisierung und Austerität antworten? Und was hat die Care-Krise mit der momentanen Aufrüstung zu tun?
Die bürgerliche Sparpropaganda ist nicht nur eine Farce, die sich jeglicher fiskalpolitischer Grundlage entbehrt, sondern auch ein zentraler Angriff auf unsere soziale Sicherheit und daher eingehende Existenzgrundlagen. Man bedenke: Die Staatsbilanz schloss Ende 2024 mit 4,5 Milliarden Franken Überschuss ab. Mit 15,5% hat die Schweiz eine der niedrigsten Verschuldungsquoten in Europa. Und trotzdem drängt die bürgerliche Politik auf das grösste Sparpaket seit über 20 Jahren, auf Kosten sozialer Ausgaben und zugunsten der Aufrüstung.
Die Begründung? Wir müssten sparen für unsere Sicherheit. Und Sparmassnahmen treffen wie immer mitunter den Care-Bereich hart.
Das kapitalistische System steckt erneut in einer massiven multipolaren Krise. Die Hegemonie der USA bröckelt, neue imperialistische Machtblöcke formieren sich und der Kampf um Ressourcen, Absatzmärkte und geopolitische Einflüsse verschärft sich rasant. Russland führt Krieg in der Ukraine, Israel begeht einen Genozid in Palästina, die USA greift Venezuela an, Überfälle syrischer Regierungstruppen auf kurdische Viertel, der Kongo wird von China und etlichen weiteren Ländern geplündert, Einmischungen in die inneren Konflikte im Sudan und Iran. Die Liste ist lang… Alles Ausdruck einer fundamentalen Neuordnung.
Der dazugehörige Rechtsruck in Europa und den USA ist eine autoritäre Antwort auf ökonomische Instabilität und Reaktion auf emanzipatorische Errungenschaften und Forderungen nach klimagerechter Transformation. Die Schweiz steht natürlich nicht ausserhalb dieser Entwicklung. Auch hier sind Militarisierung und Austerität Konsequenzen der globalen Krisendynamik.
Das Entlastungspaket 2027 ist dabei Werkzeug zum Zweck: Der Bundesrat plant Kürzungen von 400 Millionen im öffentlichen Verkehr, 246 Millionen in der Bildung, über eine Milliarde im Asylwesen, 508 Millionen in der internationalen Zusammenarbeit, Kürzungen beim Klimaschutz und in der Opferhilfe. Zeitgleich sollen die Militärausgaben bis 2030 auf 1% des BIP aufgestockt werden.
Die Logik dahinter: Aufrüstung wird als Voraussetzung für alle anderen gesellschaftlichen Bereiche dargestellt. Ohne Landesverteidigung, so das Narrativ, müssen wir auch nicht über den Sozialstaat reden. Deshalb sei Sparen unvermeidlich. Diese Aufrüstung soll mit Sparmassnahmen im Sozialstaat finanziert werden.
Die Bürgerlichen versprechen uns dabei Sicherheit durch Militarisierung. Aber die Sicherheit, die sie uns versprechen, ist nicht unsere: Sie definieren Sicherheit negativ, als Abwesenheit von Angriffen und Gewalt, wobei sie sichtbare, physische Gewalt durch einen “äusseren” Gegner meinen. Ihre Sicherheit funktioniert durch Abschottung, durch Gefängnisse, Grenzzäune, Aufrüstung. Strukturelle Gewalt, die Gewalt also, die in unserem System normalisiert ist, bleibt unangetastet.
Unser Verständnis von Sicherheit steht dem diametral gegenüber. Wir suchen keine Abschottung, sondern den Aufbau solidarischer und fürsorglicher Beziehungen. Wir suchen hierzulande keine militärische Schutzkraft, sondern Selbstbestimmung. Wir organisieren uns nicht gegen einen äusseren Feind, sondern gegen prekäre Lebensbedingungen. Und für das gute Leben für alle.
Der Unterschied wird deutlich, wenn wir uns selbst fragen: Wann fühlen wir uns sicher?
Wenn wir nicht in Armut leben müssen. Wenn Pflege nicht prekär ist. Wenn wir Zugang zu Gesundheitsversorgung haben. Wenn unsere Kinder betreut sind. Wenn wir Zeit haben für die Menschen, die uns wichtig sind – und sie Zeit haben für uns. Sicherheit bedeutet für uns: Ressourcen für Care-Arbeit. Denn Care-Arbeit sichert Leben.
Was hat nun Care-Arbeit mit Aufrüstung zu tun?
Die Care-Arbeit, sei es Hausarbeit, Kinderbetreuung, Pflege, emotionale Arbeit ist die Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft. Im Kapitalismus ist diese Arbeit historisch in den privaten Bereich abgeschoben und dort hauptsächlich FINTA-Personen zugewiesen worden. In dieser Form kann das Kapital die Ware “Arbeitskraft” fit und funktionsfähig halten, ohne dafür zahlen zu müssen. In der Schweiz wurden 2024 etwa 10 Millairden Stunden unbezahlte Hausarbeit geleistet. Frauen leisteten davon mindestens 6 Milliarden Stunden. Diese Arbeit ist für das System essentiell, und doch bleibt sie unsichtbar. Jede Vergesellschaftung dieser Arbeit kostet Geld. Öffentliche Kitas, Pflegeeinrichtungen, Gesundheitsversorgung sind Kosten für den Staat.
In der Krise versucht die herrschende Klasse nun, diese Kosten noch stärker auf uns abzuwälzen. Wenn öffentliche Gelder in die Rüstungsindustrie verschoben werden, verschlechtern sich die Bedingungen für Care-Arbeit massiv. Dennoch: Die Arbeit verschwindet ja nicht einfach. Menschen mit Behinderungen, Verunfallte, Kinder, Alte, Kranke müssen weiterhin versorgt werden. Nur: Der Staat zieht sich zurück. Er setzt stillschweigend voraus, dass FINTA diese Arbeit übernehmen. Unabhängig davon, ob wir die Ressourcen dafür haben. Als Resultat wird noch mehr von uns verlangt für weniger Bezahlung. Von den Menschen, die bereits an der Grenze zum Burnout arbeiten.
Weiterhin sind Militarisierung und Austerität als autoritärer Backlash die Antwort auf emanzipatorische Bewegungen. Militarisierung stärkt das Patriarchat systematisch. Sie schreibt toxische Männlichkeit fest und legitimiert Gewalt. Die Konsequenzen sehen wir jetzt schon drastisch. 2024 gab es 18 Feminizide in der Schweiz, 2025 waren es 28. Geschlechtsspezifische Gewalt nimmt zu, während in der Opferhilfe gekürzt werden soll. Gleichzeitig wird diskutiert, Soldaten wieder zu erlauben, scharfe Munition nach Hause zu nehmen – wegen einer angeblich veränderten Sicherheitslage.
Aufrüstung hat noch nie für Sicherheit gesorgt. Sie führt zu Krieg. Und Krieg bedeutet immer: Intensivierung patriarchaler Verhältnisse, Verschärfung der Care-Krise, Zunahme von Gewalt gegen FINTA. Gleichzeitig pusht Militarisierung das rassistische Migrationsregime und die menschenfeindliche Abschottungspolitik.
Während über eine Milliarde im Asylwesen gekürzt wird, werden Grenzen militarisiert, Geflüchtete in Lagern isoliert, Ausschaffungen intensiviert. Migrantische Personen, die bereits einen Grossteil prekärer Care-Arbeit leisten, sei es in Pflege, Reinigung oder Privathaushalten werden besonders getroffen: Sie tragen die Last der Care-Krise, teils ohne Schutz, ohne Papiere, ständig von Abschiebung bedroht.
Wie organisieren wir uns feministisch dagegen?
Wir können nicht nur gegen einzelne Kürzungen kämpfen. Nicht nur gegen Aufrüstung isoliert. Wir organisieren uns gegen ein System, das Profite über Leben stellt. Das Care-Arbeit unsichtbar macht und ausbeutet. Das Grenzen hochzieht statt solidarische Beziehungen aufzubauen.
Die Krise ist real, und damit auch die Notwendigkeit für Veränderung. Doch Widerstand entsteht nicht automatisch, und sicher nicht aus der bürgerlichen Politik heraus, er muss aufgebaut werden. Der Care-Streik am 14. Juni 2027 ist dafür eine zentrale Gelegenheit. Aber ein Streik ist nicht nur ein eintägiger Event, ein gemeinsamer Moment. Vielmehr ist er ein Prozess. Ein Prozess des Austauschs, der kollektiven Ermächtigung, der linken Organisierung.
Ein Streik verschiebt das Kräfteverhältnis. Er zeigt, wie systemrelevant unsere Arbeit ist. Er macht sichtbar, dass die Gesellschaft durch unterbezahlte und unbezahlte Sorgearbeit am Laufen gehalten wird. Ein Streik schafft Sichtbarkeit. Er bringt uns zusammen, schafft Kollektivität, zeigt unsere Stärke.
Schaffen wir Organisierung von FINTA in ihren Care-Räumen. In Kitas, Pflegeheimen, Schulen, Spitälern, in der Sozialarbeit, im Detailhandel, in der Gastronomie, in unseren Familien und Nachbarschaften. Der Zersplitterung setzen wir Solidarität entgegen.
Ohne Solidarität keine Kollektivität, ohne Kollektivität keine Gegenmacht.
Organisiert euch jetzt. Ob ihr an eurem Arbeitsplatz zusammen mit Basisorganisationen und Gewerkschaften für bessere Bedingungen kämpft. Ob ihr in eurer Nachbarschaft Banden bildet und euch gegen Gentrifizierung wehrt. Ob ihr mit Besuchsgruppen Ausschaffungsknäste besucht und die Isolation im Asylregime durchbrecht. Ob ihr in Stadtgruppen, sozialistischen Organisationen oder im feministischen Streikkollektiv aktiv werdet.
Alle Stadtgruppen, Besuchsgruppen, Kollektive, sozialistischen Organisationen, Gewerkschaften: Helft mit, den Care-Streik 2027 gross zu machen! Verbinden wir unsere Kämpfe! Eine linke Organisierung gegen Aufrüstung, Austerität und Rechtsruck. Für eine solidarische Sicherheit. Für bezahlbare Krankenkassen. Für einen ausgebauten Sozialstaat.
Wir kämpfen für eine Welt, in der die Sorge füreinander im Zentrum steht, nicht die Profite der 1%. Wir kämpfen für einen Frieden, der nicht nur die Abwesenheit von Krieg ist, sondern das Ende struktureller Gewalt und Ungleichheit.
Ohne Care kein Leben. Unsere Sicherheit heisst Solidarität!
Audio-Aufnahme „LIVE vom Das Andere Davons“: Live vom Anderen Davos 2026 – Radio LoRa

