Warum streiken?

Wir Frauen, Lesben, inter, non-binäre, trans, agender und genderqueere Personen (FLINTAQ) erleben tagtäglich Sexismus. Das heisst, wir werden aufgrund unseres Geschlechtes im Alltag und durch unsere Institutionen unsichtbar gemacht, benachteiligt, unterdrückt, ausgebeutet, misshandelt und in extremen Fällen sogar getötet. Viele von uns sind zusätzlich von mehrfachen Diskriminierungsformen betroffen – Queer- und Transfeindlichkeit, Rassismus, Ableismus und weiteren Unterdrückungsformen. Armut trifft uns besonders hart, vor allem im Alter.

Nirgends ist jedoch unsere Ausbeutung so systematisch und unsichtbar wie in der Care-Arbeit. Stell dir vor, es gäbe morgen keine Care-Arbeit mehr: Keine Kinderbetreuung, keine Pflege für kranke und alte Menschen, keinen Unterricht, keine Reinigung, keine emotionale Unterstützung. Die Gesellschaft würde in Stunden zusammenbrechen. Trotzdem wird diese lebenswichtige Arbeit systematisch entwertet, in dem sie als weniger schwierig uns FLINTA-Personen zugeteilt wird.

Die Zahlen sprechen für sich: Weltweit sind zwei Drittel der bezahlten Care-Arbeiter*innen Frauen. Davon sind die Mehrheit Migrant*innen.(UN, 2024).

In der Schweiz leisteten wir von den 10’000 Millionen Stunden unbezahlter Hausarbeit im Jahr 2024 etwa zwei Drittel (6000 Millionen Stunden). (BFS, 2024). Pro Woche leisten wir 32 Stunden unbezahlte Haus- und Familienarbeit (Männer: 22 Stunden) (BFS, 2024).

Zusätzlich betreuen 49 Prozent der Schweizer Grossmütter ihre Enkelkinder mindestens einmal pro Woche. Bei den Grossvätern sind es 31 Prozent. (BFS 2024) (Die Statistiken wurden in der Binarität von Mann und Frau verfasst.)

Die privilegierte Schweiz verdeutlicht diese Ungleichheiten: Unsere Erfahrungen von Unterdrückung und Ausbeutung variieren stark – auch in der Care-Arbeit. Migrantische Care-Arbeiter*innen arbeiten oft unter miserablen Bedingungen ohne Arbeitsrechte, während andere auf unbezahlte Familienarbeit angewiesen sind.

Am 14. Juni 2019 war ein historischer Moment: Über eine halbe Million Menschen forderten am feministischen Streiktag ihre Rechte ein. Einiges kam seither ins Rollen, doch vieles bleibt blockiert oder hat sich sogar verschlechtert. Die AHV-21 verschärft die Altersarmut derjenigen, die ein Leben lang Care-Arbeit geleistet haben. Selbst bei der Pflegeinitiative 2021, die 61% der Bevölkerung unterstützte, passiert praktisch nichts – bis 2030 werden 30.000 Pflegefachkräfte fehlen.

Wir haben genug von dieser systematischen Ausbeutung! Darum fokussieren wir uns bis 2027 auf den Care-Streik – bei der Arbeit, Zuhause, in Kitas, Spitälern und Schulen. Ein Streik verschiebt Machtverhältnisse und zeigt, wie systemrelevant unsere Arbeit ist. Schliess dich den feministischen Bewegungen an! Mobilisiere deine Kolleg*innen, Freund*innen und Familienangehörigen.

Weltweit sind FLINTAQ die ersten Opfer autoritärer Regime, von Kriegen und Umweltzerstörung. Gleichzeitig stehen wir oft an der Spitze von Widerstandsbewegungen. Wir sind solidarisch mit all diesen Kämpfen. Jin, Jiyan, Azadî. Frau. Leben. Freiheit.

Wir fordern:

  • Allgemeine Verkürzung der bezahlten Arbeitszeit auf 32 Stunden
  • Massive Erhöhung der Löhne in allen Care-Bereichen
  • Elternzeit für jede Erziehungsperson für mindestens ein Jahr pro Person und Kind
  • Kostenlose, bedarfsgerechte Kinderbetreuung sowie Pflege von Angehörigen
  • Soziale Absicherung für unbezahlte Care-Arbeit
  • Sofortige Stärkung der AHV und Abschaffung des Drei-Säulen-Systems
  • Abschaffung des privaten Krankenversicherungssystems und vollständige Übernahme der Kosten von reproduktiver und sexueller Gesundheit
  • Stopp der Privatisierung von Pflege-, Bildungs- und Betreuungseinrichtungen
  • Gesamtschweizerisch systematische Massnahmen zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer, sexualisierter und häuslicher Gewalt
  • Nationaler Plan zur Bekämpfung von rassistischer, fremdenfeindlicher, queerfeindlicher und behindertenfeindlicher Diskriminierung
  • Feministisches Asyl und Aufenthaltsbewilligung
  • Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse in Care-Bereichen
  • Recht auf kostenlosen Schwangerschaftsabbruch in der Verfassung
  • Verankerung eines intersektionalen Feminismus in der Bildung

Lies hier unser vollständiges Care-Communiqué. Das Care Communiqué ist zusätzlich noch in folgenden Sprachen verfügbar:

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